Besonderheiten - Geiß-Nidda - Stadtteil von Nidda

Update 11.01.2018
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Die Geiß-Niddaer Kirche, eine gotische Basilika, ist sicher etwas besonderes für ein so kleines Dorf. Bereits seit über 800 Jahren besitzt Geiß-Nidda eine Kapelle bzw. eine Kirche. Die erste urkundliche Erwähnung berichtet darüber, dass eine Gertrud aus Bleichenbach nach Geiß-Nidda zum heiligen Nikolaus pilgerte, um von ihrer Lähmung geheilt zu werden. Vollständig Heilung erfuhr sie aber erst 6 Jahre später am Grab der hlg. Elisabeth in Marburg 1232, wo der Vorgang urkundlich erwähnt wird. Man kann annehmen, dass Geiß-Nidda ein lokaler Heilungsort war, der eine Reliquie des hlg. Nikolaus besaß.
 

Nachlesen kann man diese Geschichte in einem Heft über die Geiß-Niddaer Kirche von Joh. Kögler aus dem Jahr 1992.
 
 
Eine weitere Besonderheit Geiß-Niddas ist, dass sich von vier jüdischen Familien, die bis zu ihrer Vertreibung in Geiß-Nidda wohnten, eine Person hervorhebt, nämlich Ilse Stein.  

 
Über ihr Schicksal und ihr Leben, das von Geiß-Nidda über Frankfurt a.M., nach Minsk und Sibirien und zuletzt nach Rosdow am Don führte, ist ein Buch geschrieben und ein Film gedreht worden. Der Film wurde bereits mehrfach im Fernsehen gezeigt:
„Die Jüdin und der Hauptmann“.

 
In Geiß-Nidda wurde zu Ehren der jüdischen Opfer des NS Regimes  im Ort ein Gedenkstein gesetzt : Straße zum Sportfeld.
 
 
Geiß-Nidda, den 7.11.2012
 
Kurt und Brigitte Müller
Gedenkgottesdienst für Ilse Stein

Der traurige Klang der Klarinette näherte und entfernte sich, wanderte nach links, dann nach rechts, je nachdem, wohin sich Klarinettistin Johanna Backes in der evangelischen Kirche Echzell wandte. "Hevenu schalom alejem" - Wir bringen Frieden für alle", spielte sie zum Aufzakt des Gedenkgottesdiesntes für Ilse Stein, ein aus Geiß-Nidda stammdendes jüdischen Mädchen.

Nach einer von Dr. Ralf Schäfer auf der Orgel gespielten Toccata begrüßte Pfarrerin Hanne Allmansberger die Besucher. "Ilse Stein hat ein bewegtes und spannendes uns letztendlich auch immer geglücktes Leben geführt", führte sie aus.

Die Lebensgeschichte der Ilse Stein wurde von Mitgliedern des Frauenausschusses im evangelischen Dekanat vorgetragen. Sabine Erk, Annemarie Fischer-Müller, Edith Grauling, Beate Habich-Schönert, Helga Spahn und Petra Stöpler schilderten die Situationen, zu denen sie das Buch "Die verlorene Liebe der Ilse Stein" von Johannes Winter sowie den Dokumentarfilm "Die Jüdin und der Hauptmann" von Ulf von Mechow genutzt hatten. Die Geiß-Niddaerin Milli Born hatte den Frauen Foto-Dokumente zur Verfügung gestellt.

1924 wurde Ilse Stein als Tochter des Konolialwarenhändlers in Geiß-Nidda geboren. Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten änderte sich auch das Veerhältnis der Mitbürger im Ort. Im Zuge der Novemberpogrome 1938 wurde Familie Stein nicht verschont, der Laden zerschlagen und geplündert.

Im November 1941 wurde die Famile in einem offenen Viehwagen nach Minsk deportiert. Im dortigen Ghetto wurde Ilse dem Kommando der Wehrmachts-Hauptmanns Wilhelm Schulz zugeteilt. Schulz war ein bereits über 40-jähriger, in kinderloser Ehe lebender Reservist aus Dresden. Er unterstütze die mittlerweile 17-jährige, machte sie zur Kolonnenführerin, dann zu seiner Büro- und Haushaltshelferin. Zusätzliche Essenrationen sowie Kleider und Schmuck aus einem Theaterfundus machten ihr das Leben erträglicher. Die Mutter starb 1942 an Typhus und Unterernährung. Als das Ghetto aufgelöst werden sollte, plante Wilhelm Schulz die Flucht. Gemeinsam mit den drei Stein-Schwestern und einer Gruppe weißrussischer Juden passierten sie in einem LKW unerkannt sämtliche Kontrollposten und erreichten die weißrussischen Partisanen. In deren Lager gaben sich Schulz und Ilse Stein das Jawort. Ilse wurde schwanger. Doch auch jetzt gab es keine Sicherheit für die Flüchtigern. Die beiden Schwestern wurden ins Hinterland verfrachtet, Schulz wurde täglich verhört. Der Geheimdienst traute ihm nicht schickte ihn ins berüchtigte Gefängnis von Lubjanka nach Moskau und in ein Umerziehungslager. 1944 starb Schulz offiziell an einer Hirnhautentzündung. Ilse Stein wurde mit ihrem Neugeborenen ins 5000 Kiolmeter weiter östlich gelegene Birobidschan deportiert, Stalins Gegenentwurf zu Palästina. Das Baby starb kurz danach, Ilse kam todkrank ins Sanatorium, wo sie einen polnischen Juden kennenlernte. Die beiden heirateten und zogen nach Rostow am Don, bekamen Kinder und Enkelkinder. Doch dieser Beziehung fehlte die Innigkeit, die das Verhältnis zu Schulz auszeichnete. Bis zu ihrer Rente arbeitete Ilse als Leiterin eines Supermarktes. Und sie schaffte es sogar, Geiß-Nidda noch einmal zu besuchen, wo sie bei Milli Born zu Gast war. Kurz vor ihrer endgültigern Ausreise in die alte Heimat starb Ilse Stein am 20. Arpil 1993. 

Ihr Biograf Johannes Winter hatte für sie eine Todesanzeige im Kreis-Anzeiger aufgegeben mit dem Schlusssatz: "Ilse Stein hat nie aufgegeben." 

Zu den einzelnen Episoden wurden original Fotoaufnahmen an die Wand projiziert. Beim Abschlusslied "Bewahre uns Gott" fiel der schöne Zusammenklang von Klarinette und Orgel auf.

Die Fürbitten galten den Misshandelten, Gedemütigten, Erniedrigten und Ermordeten. Lass uns die Verantwortung wachhalten für den Frieden und Freiheit aller Menschen", schloss die Pfarrerin.
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